Warum ich immer noch gerne auf Papier lese

Diese Überschrift mag Verwirrung oder Empörung auslösen, aber seit Jahren hat sich mein tägliches Lesepensum mehr und mehr auf den Bildschirm verlagert. News nehme ich mittlerweile nur digital auf, scrolle mich durch die Onlineseiten oder meinen Twitterfeed. Gelegentlich kaufe ich mir DIE ZEIT, um nach wenigen Tagen wieder einmal genervt festzustellen, dass ich diese Menge an papiernen Seiten einfach nicht verarbeiten kann. Das gedruckte Wort kann mir einfach nicht mehr folgen oder ich entfliehe ihm: Meine Aufmerksamkeitsspanne hat sich scheinbar an die digitale Geschwindigkeit angepasst und mir ist es unmöglich geworden, dreiseitigen Reportagen konzentriert zu folgen. Ich überfliege nur noch und breche irgendwann gefrustet ab. Das könnte ich bedauern und verfluchen, tue es jedoch ganz und gar nicht. Im Gegenteil, ich habe mir eine Strategie angeeignet. Beide Welten haben ihre vollkommene Daseinsberechtigung und ich will keine missen.

Während das Alltägliche bei mir nur noch digital stattfindet, zelebriere ich das Besondere auf Papier. In ruhigen Momenten – im Zug, auf der Couch oder im Bett – kommen die papiernen Erlebnisse zum Einsatz. Die gibt es immer noch zuhauf und durch die starke Konzentration des Marktes habe ich das Gefühl, dass die Qualität endlich wieder zunimmt. Weg von einfachen Bilderbüchern und kurzen Texten hin zu besonderen Geschichten, die Menschen und ihre Ideen in den Mittelpunkt stellen. Dieses Vergnügen gönne ich mir aus Zeitgründen nicht allzu oft, aber journalistisches Handwerk, Bildsprache, Fotografie und innovative Gesamtkonzepte begeistern mich jedes Mal aufs Neue.

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Auf meinen letzten Zugfahrten gab es einige Neuentdeckungen und Alltime-Favourites, die ich mit euch teilen will:

  • Die SLOW gibt es seit 2014 und sie beschreibt sich selbst als „Magazin für ein Leben mit mehr Muße, Genuss und Qualität“. Sie widmet sich alternativen und nachhaltigeren Lebensweisen, und deckt dabei alle Lifestyle-Bereiche wie Mode, Food, Job und Familie ab. Hier liebe ich vor allem auch das unglaublich runde grafische Gesamtbild – das Blättern und Lesen des matten Papiers bereitet einfach Freude.
  • Ein neuer und doch alter Player ist zurück auf dem Zeitschriftenmarkt: ALLEGRA. Schon wieder so eine Frauenzeitschrift? Nein, „ALLEGRA steht für intelligenten und direkten Magazinjournalismus. Für alle, die mehr wollen als eine der üblichen Frauenzeitschriften.“ Hochwertige Modestrecken finden sich neben Texten von Juli Zeh und Meredith Haaf wieder. Eine Mischung, die anregt und unterhält. Bitte mehr davon!
  • L’OFFICIEL ist ein französisches Magazin, das über Jahrzehnte zu einer internationalen Marke wurde, und seit dem letzten Jahr auch eine deutsche Tochter hat. Auch diese ist „unkonventionell, beugt sich keinem Diktat, nimmt sich nicht zu ernst und zelebriert seit seiner Gründung die Offenheit und den spielerischen Umgang mit Mode, Luxus, Zeitgeist und Moderne.“ Mein Interesse an Mode und Kulturgeschichte wird nicht allein durch Bilderstrecken und mehrseitige Anzeigen befriedigt, nein, ich will wissen, warum, weshalb und wieso. Genau das gelingt in diesem Magazin, indem zudem der Bogen zu Kunst und Zeitgeschehen geschlagen wird. Der französische Geist atmet durch jede Ausgabe.
  • Eine Zeitschrift, die hier vielleicht nicht erwartet wird, ich aber unbedingt empfehlen möchte: brand eins, das Wirtschaftsmagazin. Wer wie ich aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich kommt, verteufelt in aller Regel Zahlen und Banker. Die BWL-Studenten an der Uni wurden nur müde belächelt. Dass das großer Quatsch ist, muss eigentlich nicht extra betont werden: Wirtschaft ist soviel mehr als ein bloßes Zahlenlabyrinth. Wer hat eine gute Idee, kann sie umsetzen und unter die Leute bringen? Genau darum geht es in brand eins, um Geschichten aus der Welt der Wirtschaft.
  • Der Printmarkt ist hart umkämpft, da erzähle ich euch nichts Neues. Umso erstaunlicher, dass sich derart innovative Konzepte auf den Markt trauen wie Das Buch als Magazin. „Das Prinzip des Heftes ist leicht erklärt: Im ersten Teil jeder Ausgabe lesen Sie einen Literaturklassiker im Original, den wir um eine eigens produzierte Bildstrecke erweitern. Außerdem schreiben wir Notizen an den Rand des Textes – Interessantes zum Autor, zu einzelnen Textstellen, Einordnungen oder Parallelen zur Gegenwart. Im zweiten Teil von „Das Buch als Magazin“ stehen Geschichten aus der Gegenwart, die sich deutlich oder vorsichtig auf das Buch im ersten Teil beziehen. So wollen wir Ihnen Lust machen, alte Bücher neu zu lesen.“ Als Germanistin schreie ich natürlich „Hurra, Hurra!“und freue mich über soviel Ideenreichtum. Leider kämpfen die Herausgeber mit der Finanzierung, und so kann die nächste Ausgabe auf sich warten lassen. Ich drücke die Daumen und verweise solange auf die alten Ausgaben, die man sich hier  bestellen kann.

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2 Kommentare zu „Warum ich immer noch gerne auf Papier lese

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